DAG

On DAG

von Peter Funken (2008)

DAGs Kunst operiert an den Peripherien von künstlerischen Gattungsgrenzen. Sie aktiviert Potentiale zum Brückenschlag zwischen Malerei und Zeichnung, Konzeption und Meditation, zwischen Punkt, Linie und Farbe.

Es ist eine Kunst, die mit den Mitteln der Industrie arbeitet, zu den Bedingungen der elektronischen Wirklichkeit, in der Regie subjektiver Wahrnehmung. Mit seinen Zeichnungen, Bildern und Wandarbeiten tangiert DAGs Kunst bildnerische Bereiche, die man im Sinne einer Theorie des Hybriden erörtern kann.

Der Medientheoretiker Derricke de Kerckhove hat geäußert: „Das erste Hybridwesen ist der Mensch. Und er lebt in einem Paradoxon. Als Mischung von Geist und Materie, als Transmißion und Handschlag zwischen Geist und Materie und vice versa lebt der Mensch bewußt oder unbewußt in einem permanenten Zustand der Hybridisierung.“

Die eigentliche Triebfeder und Sprache im Prozeß der Hybridisierung sollte die Kunst sein, nicht allein die Naturwißenschaft. Voraußetzungen für die kreativen Prozeße in Gegenwart und Zukunft finden sich in den Alltagspraxen von Sampling, Zapping und Oberflächenformung, mit denen Welt und Realität in immer neue Verbindungen und Entgrenzungen, in neue Formen von Collage und Decollage tritt, so daß Verschleifungen, Zäsuren, Montagen, Konstruktionen und Dekonstruktionen entstehen.

Das Hybride existiert in DAGs Arbeiten nicht als oberflächliches, sondern als immanentes Phänomen. Das Hybride charakterisiert DAGs Arbeit, weil er an den Peripherien künstlerischer Gattungsgrenzen operiert, denn hier entstehen neue Möglichkeiten für technische Verbindungen und geistige Erkenntniße.

Voraußetzungen für die Arbeiten DAGs finden sich sowohl in der Kunst der Moderne, wie in den Formen aktueller Sound- und Rhythmuskompilationen. Zwar ist Musik für DAG keine Parallelsprache zur bildenden Kunst, aber sie prägte seine Vorstellungen von Seriellem und Tektonischem. DAG kommt in seinen Arbeiten zu visuellen Ergebnißen, die eine äußerliche Verwandtschaft zu Werken der konstruktivistischen und proto-minimalistischen Moderne des 20. Jahrhunderts besitzen, etwa zu den Arbeiten von Mitgliedern der Gruppen „circle et carré“ und „abstraction-création“, wie etwa Hélion, Vantongerloo, Herbin oder Vordemberge-Gildewart in den frühen 30er Jahren. Doch ist diese Beziehung nur von oberflächlicher Art, weil die seiner Kunst zugrunde liegende Matrix nicht aus den Konsequenzen der Moderne resultiert, sondern auf Systeme zeitgenößischer Bild- und Zeichensetzung rekurriert. Von daher wirken auch Street-Art und Graffiti auf DAG anregend.

Die Substruktur für DAGs eigene künstlerische Entwicklung wurde in der Clubszene Berlins erfunden, das technische Material für seine Kunst stammt aus den Magazinen des Bürobedarfs, aus Supermärkten und Zeemann-Läden. Darum finden DAGs Arbeiten ihre Referenz in technischen Standards und reflektieren die bizarre Gegenwart aus der Perspektive von Popästhetik und medialer Optik.

Inzwischen geht es DAG - wie er sagt - „um die Suche nach der einfachen Anschauungsweise, um Einfaches, das schwer zu finden und darzustellen ist“. Diese äußerung bezieht sich auf die formal-ästhetische Seite seiner Arbeit, trifft aber ebenfalls auf das von ihm verwendeten Material zu, denn DAGs künstlerischer Einsatz von maßenhaft Angebotenem, wie etwa Edding-Markern, Klebepunkten, Plastikstreifen, Teefiltern, Schußpflastern, Verpackungsmaterial, Strohhalmen aus Plastik und anderem genormten Material aus dem Bereich von Bürobedarf und industrieller Produktion besitzt ebenfalls den Aspekt der Einfachheit, sind doch diese genormten Produkte keine vermeintlich per se mit Sinn und Bedeutung aufgeladenen Werkstoffe, wie etwa der Marmor aus Carrara.

Aus diesem Werkansatz – dem Hang zum Einfachen und Standardisierten - erklärt sich ebenfalls die Verwendung von Standardbildformaten für seine Arbeiten, die zuerst im Format 50 × 50 cm entstanden sind, heute meist in den Maßen 80 × 80 cm, 115 × 115 cm sowie 150 × 150 cm produziert werden.

DAG punktiert mit Filzstiften aufgespannte Leinwände und Neßeluntergründe. Tausende einzelner Punkte bilden dabei Formen, die an Mikroorganisches, an Amöben und Zellstrukturen denken laßen. Die kleinen Punkte verdichten und überlagern sich auf der Fläche und kreieren im helldunkel ihrer Erscheinung auf dem weißen Untergrund ungefähre Vorstellungen von Landschaften, Wolkengebilden und Vulkanausbrüchen. Vorlagen für solche, außchließlich aus Punkten und weißen Paßagen bestehenden Bilder, findet DAG im Internet oder in Zeitungen. Sie stellen für den Künstler Bildanregungen dar und werden vom ihm frei interpretiert, nicht jedoch kopiert: „Je schlechter die Vorlage“, sagt DAG, „umso beßer läßt sich damit arbeiten“. Manche Bildtitel dieser pointilistischen Marker-Zeichnungen zitieren Titel der romantischen Kunstepoche, als sich Künstler malend und zeichnend der Natur und der Landschaft näherten, als sie sich Natur und Landschaft künstlerisch aneigneten. Oft bezeichneten die Künstler der Romantik in ihren Werktiteln den dargestellten Ort, so auch DAG - seine Punktbilder tragen Titel wie „Nahe Kyritz“, „Vor Lüneburg“ oder „Bei Jena“, doch sind diese Titel durchaus in einem ironischen Sinn zu verstehen. In dieser Serie und in dieser Technik entstehen neben den an die Romantik erinnernden Landschaften auch immer wieder Katastrophenbilder, die Feuersbrünste, Vulkanausbrüche und Hurricanes zeigen. Es sind Bilder einer Natur, deren Gleichgewicht durch den Menschen gestört wurden, und in diesem Sinne als Kritik am vermeintlich Gegebenen und an der Ignoranz der Verantwortlichen zu begreifen.

Eine seiner Arbeiten hat DAG mit „Hinter Olpe“ (Marker auf LW, 80 × 80 cm, 2004) bezeichnet. Hier schneiden zwei fast exakte, weiße Halbkreise von unten in die verschieden dicht punktierten, wolkenartigen Bereiche, in deren Zentrum eine Scheibe schwebt. Weiter rechts im Bild formt die Verdichtung von Punkten eine vertikal aufsteigende Linie, die den Raum teilt. In dieser Arbeit begegnen sich die exakte Figur, die von den weißen Rundungen gebildet wird und die aus Punkten bestehende, und deshalb wie vibrierend erscheinende Landschaftßtruktur „hinter Olpe“. DAG bezeichnet Punktbilder als Werke einer „new romantic“. In ihnen erschafft er hybride Kreuzungen zwischen naturalistischen Landschaftsprospekten, wie sie etwa Carl Rottmann (1797 – 1850) gemalt hat, und einer gegenstandslosen all-over Struktur. Man könnte auch sagen, er kreiert sein Bild aus verdichteten Einzelinformationen, die Ergebniße künstlerischer Systematik und berechnender Spontanität sind. Das diesen Arbeiten typische all-over von Einzelpunkten sowie Punktkonglomeraten läßt keine Handschrift im üblichen Sinne erkennen, aber einen gestalterischen Einsatz, der das Bild in ein Grenzgebiet zwischen illusionistischer Gegenständlichkeit und konzeptueller Gegenstandslosigkeit führt.

DAG arbeitet zeitgleich an verschiedenen Bildern und in unterschiedlichen Arbeitsmethoden. In einer weiteren Serie entwickelt der Künstler Werke nach einem ähnlich konsequenten Konzept wie bei seinen Punktarbeiten, aber diesmal wird die Linie als außchließliches Element zur Bildentwicklung eingesetzt. DAG zieht bei diesen Streifenbildern mit dem Marker und einem Lineal lange Striche, die auf dem Weiß der grundierten Leinwand stehen und auch von ihr aufgesogen werden. Deshalb besitzen solche Linien an den Rändern leichte Ungenauigkeiten, so daß sie optisch minimal zu vibrieren scheinen. Es entsteht ebenfalls eine Anmutung von Plastizität, die Linien erscheinen im ersten Moment und aus der Nahsicht fast wie aufgestickt. Solche Arbeiten, die der Künstler bislang immer in einer Farbe ausführt, besitzen klare und einfache Kompositionen, betonen die Diagonale oder strahlen von einem Punkt aus in den Bildraum. Aufgrund ihrer intensiven Einfarbigkeit und der Deutlichkeit der Komposition, entstehen mit diesen Arbeiten Vorstellungen von Dynamik und Energie im konkret-abstrakten Feld, in einem Grenzbereich zwischen Malerei und Zeichnung.

Hergeleitet hat DAG die beiden hier beschriebenen Werkgruppen - Punktbilder wie Streifenbilder - aus früheren Arbeiten, die einen spielerisch-abstrakten Ansatz besitzen und ebenfalls mit Filzstiften oder mit Dispersionsfarben realisiert wurden. Diese Bilder, die Designvorstellungen der 50er Jahre zitieren, bergen zahlreiche in der Komposition vernetzte zeichnerische Ideen und Miniaturen, skripturale Paßagen und Farbmitteilungen in sich, die an Pop, denken laßen und an eine ästhetik in der Verbindung von Konstruktion und Organischem, wie sie auch bei der Gruppe „circle et carré“ zu finden war. Solche Arbeiten bilden in DAGs Werk die Vorstufe für die folgenden Serien, doch besitzen sie dabei soviel Eigenständigkeit, Rhythmus und elementare Kraft, daß sie neben den neuen Arbeiten bestehen können.